Suntje Sagerer / MAG Jedermann

periscope Salzburg

von Teresa Kamencek 2018

Die Minimal Art Gallery (kurz: MAG) suggeriert im periscope einen Kunstraum im Kunstraum, präsentiert sich als ausgestellte Ausstellung, und verdoppelt sozusagen das System ihres Umfeldes. Suntje Sagerer (geb. 1982 in Zschopau, lebt und arbeitet in Dresden) fungiert dabei seit 2014 auf allen Ebenen: sie tritt sowohl als Galeristin als auch als Kuratorin auf, ohne dabei ihre Hauptrolle als Künstlerin zu vernachlässigen oder sogar zu verlieren. Sagerer ist dabei nämlich nicht nur Autorin der künstlerischen Idee, sondern stellt auch den architektonischen Rahmen zur Verfügung, indem sie ausrangierte Puppenhäuser - allesamt in DDR-Zeiten hergestellt - akkumuliert, sie weitgehend ihrer Vergangenheit entledigt und neu verwertet. Besagte Puppenhäuser kommen über Internetplattformen, private Schenkungen oder Flohmärkte in ihren Besitz. 
Diese aktuelle, intensive Beschäftigung mit Puppenstuben fußt auf einem früheren Zeitpunkt in Sagerers Oeuvre, und vor allem auf den fotografischen Serien „Masters of Society“ und „To many Children“. Im Zuge eines polymedialen Interesses, das das Schaffen der Künstlerin seit ihrer Studienzeit prägt, bewegt sich Sagerer nach der fotografischen Verarbeitung ihres ersten Puppenhauses ab 2014 in ein anderes Medium, ohne dabei den grundsätzlichen Schauplatz und Hauptakteur Puppenstube zu verlassen.
Die Künstlerin geht dabei aber noch einen Schritt weiter und positioniert Werke anderer KünstlerInnen in ihrem Eigenen. Sagerer schließt hierbei durchaus an konventionellen Gebrauch und Assoziationen eines solchen Puppenhauses an: die mitwirkenden KünstlerInnen bespielen die Räume, wie sie es in ihrer Vergangenheit von früheren Besitzern gewohnt waren. Mit Sagerers Eingreifen kommt es aber zu einer ästhetischen sowie funktionalen Aufwertung der gesamten Ausstaffierung und der Räumlichkeiten selbst, durch die Gründung einer mobilen Galerie und einer folgenden Kunstausstellung im Inneren bricht sie also in gleicher Weise mit genau dieser Assoziation. Das Puppenhaus verliert letzten Endes seine kindliche, sorglose Leichtigkeit, avanciert in den Status eines Kunstwerks, wird schlussendlich aus seiner ursprünglichen Flohmarktdimension ausgelöst und in eine überlegene Kunstmarktsphäre eingeführt.


Mit ihrem projekthaften Charakter liegt der MAG als Hauptaspekt also ein künstlerischer Integrationsprozess zugrunde. Als Gesamtkunstwerk beherbergt sie eine multimediale Gruppenausstellung internationaler KünstlerInnen verschiedener Generationen. Im Zuge dessen bindet Sagerer nicht nur von ihr versionsspezifisch und spontan im Atelier der jeweiligen KünstlerInnen ausgewählte Kunstwerke ein, sondern greift auch auf ein - von ihr teilweise mithilfe von Leihverträgen über Jahre agglomeriertes - Depot an künstlerischen Beiträgen zurück. Der Werkprozess der MAG als Gesamtwerk ist daher ein besonders komplexer und vereint neben den von Sagerer mit- und eingebrachten Werken auch jene der erstmalig dazukommenden, die oft erst vor Ort nach dem Aufbau der Minimal Art Gallery in sie eingesetzt werden. Als Kontaktpunkt von möglichst vielartigen Medien versteht sich die Miniaturgalerie indes als Bildwerk und lässt sich durch den zuerst subtrahierenden Eingriff Sagerers sowie durch die in der Folge eingefügte Beiträge anderer Künstler problemlos sowohl der Gattung der Plastik als auch jener der Skulptur zuordnen. Die Betitelung „Minimal Art Gallery“ erweist sich jedenfalls als chimärisch, denn Sagerers Zielsetzung, einen Polylog uneinheitlicher Werke möglichst effizient auf geringster Fläche zu zeigen, könnte sich kaum mehr von den Grundsätzen der Minimalisten - Objektivität, Schematik und Entpersönlichung - unterscheiden. Es handelt sich vielmehr um ein Wortspiel, das polyseme Adjektiv „minimal“ darf dabei keineswegs weiter angewandt werden, als auf das Format der ausgestellten Kunstwerke. In ihrem Inneren gilt dementsprechend vor allem ein Grundsatz: Das Kunstwerk muss passen. Dabei zeigt sich das Konzept der Miniaturgalerie flexibel: Den KünstlerInnen werden weder formale, noch stilistische oder das Medium betreffende Grenzen gesetzt, nur das Format darf eine gewisse Größe nicht überschreiten.

Jede Version der Minimal Art Gallery folgt hierbei einem eigens von Sagerer entwickelten, situationsbedingten Konzept und Leitfaden. In den im periscope gezeigten Versionen nimmt die Künstlerin als Antwort auf ihren einmonatigen Aufenthalt direkten Bezug auf Salzburg selbst, im Zuge des Living:Space:Grant hatte sie Gelegenheit, sich unvermittelt mit der Stadt auseinanderzusetzen und eine essentielle Assoziation als zentralen Ausgangspunkt heranzuziehen. Die umfunktionierten Puppenhäuser tragen daher unter dem Übertitel „MAG Jedermann“ die Namen der von Jedermann und dem Gesell im Theaterstück Hugo von Hofmannsthals angesprochenen Immobilien: „MAG Schuldturm“, „MAG Landsitz“, „MAG Lustschloss“ und „MAG Jagdgeheg". Auch in der Wahl der ausstattenden Protagonisten entsteht ein Konnex zu Salzburg, Sagerer integrierte die vor Ort getroffenen lokalen KünstlerInnen in ihr Konzept der Miniaturgalerie. 

Dabei unterscheidet sich die Minimal Art Gallery nur in wenigen Punkten von den allgemein bekannten Galerien. Im Gegensatz zur herkömmlichen Kunstgalerie negiert und ironisiert die Miniaturgalerie allerdings das weitgehend konsequente Prinzip des White Cube, die ausgestellten Werke integrieren sich zum Teil in die in ihrer originalen Ausstaffierung belassenen Räume des Puppenhauses. Ausgewählte Zimmer behalten Sanitäranlagen, Tapeten oder Gardinen und somit ihren Puppenhaus-Charakter, bleiben also als Kult-Träger mitsamt Erinnerungswert bestehen, um den authentischen Eindruck eines (Puppen-)Hauses nicht zu verlieren. In diesem Fall sind Werk und Einrichtung auf einen Blick fassbar, eine unmittelbare Dialektik und Interaktion zwischen Ausstellungsarchitektur und Ausstellungsstück ist unvermeidbar und beabsichtigt. In besonderer Weise ist dieses komplexe Beziehungsgeflecht in den Arbeiten Katrin Hubers (geb. 1980) zu sehen. In der Serie „Ausblicke Einblicke“, an der die Künstlerin seit 2012 arbeitet, bewegt sie sich von dem von ihr bevorzugten Großformat weg in Richtung Kleinformat: die fünf gezeigten Malereien messen lediglich 9x6 cm. Durch ihre Integration in die Minimal Art Gallery wachsen die gemalten Fenster auf proportional real erscheinende Größe an und nähern sich dem sie umgebenden Puppenhaus-Inventar an. Ein Fenster bewegt sich im Allgemeinen an der Grenze von Innen und Außen, verbindet den Kunstraum im Inneren der Puppenstube mit dem Kunstraum, der sie umgibt. Hubers Arbeiten sind vor allem Schnittstelle zwischen greifbarem und nicht-greifbarem Raum, der Aus-/Einblick öffnet sich in leuchtenden, vehementen Farben ins imaginäre Unendliche. Die gewollte Dualität von Ein- und Ausblick wird umso mehr betont, als dass die gemalten Fenster sowohl im Inneren der MAG als auch außen an der Fassade angebracht sind, wobei nur zwei durch ihre beidseitig abgestimmte Position und eine kompositorische Bezugnahme trotz unterschiedlicher Farbigkeit annähernd suggerieren wollen, ein einziges funktionstüchtiges Fenster zu sein. Gleichermaßen unterstreicht die Künstlerin damit die Abstrusität der eigentlichen, belassenen Einrichtung des Puppenhauses, die realiter ja vor allem eine verkleinerte Imitatio eines normalgroßen Mobiliars zur Grundlage hat und einen praktischen Nutzen im Sinne dessen, was sie zu sein scheint, trotzdem völlig ausschließt. 

Anderswo gestalten die von Sagerer ausgewählten KünstlerInnen ein gesamtes, von Einrichtungsgegenständen befreites Zimmer. In diesem Fall verschmelzen Raum und darin befindliches Kunstwerk zu einer untrennbaren Einheit, der Raum ist dem Werk schließlich integraler Bestandteil. In diesen Fällen wird die mobile Galerie gelegentlich an die KünstlerInnen ausgehändigt, damit sich jene in einem Grad mit ihrer Installation auseinandersetzen können, der in einem stationären Kunstraum nie erreichbar wäre. Die von Stefan Kreiger (geb. 1981) gestaltete Einraumetage der "MAG Schuldturm“ veranschaulicht eine solche komplette Aneignung: Neben dem eigentlichen Ausstellungsstück - einer gerahmten, druckgrafischen und vor allem schon vor der Einfügung in die MAG existente Arbeit aus seiner Serie „Franchise“, in der sich Kreiger seit 2012 humoristisch mit dem Film-Franchise Star Wars auseinandersetzt - tapeziert er die Wände samt Decke und Fußboden regelrecht, mit dem Resultat einer bühnenartigen Grafik-Collage, wie sie in ähnlicher Form in seiner aktuellen Malpraxis wieder auftaucht. Sie setzt sich aus eigenen Zeichnungen und Drucken, sowie Resten von Einkaufslisten, Zeitungen, Magazinen, denen im Einzelnen betrachtet wenig Bedeutung zuzuordnen ist, zusammen. In ihrer Verknüpfung verschwimmen demungeachtet die Grenzen, ähnlich dem Phänomen des Simultankontrasts bestärken sich die zuerst entkontextualisierten und daraufhin kombinierten Schnipsel und Ausschnitte in ihrer Bedeutung wiederum gegenseitig. Die in der Collage verwendeten Elemente werden in ein wechselvolles Vibrieren versetzt und emergieren in neuer, kollektiver Bedeutsamkeit. Kreigers Vergleichbar mit einem unvollständigen Comic versteht sich die Innenraumgestaltung des Künstlers als brüchige und fragmentierte Narration, die den Blick des Betrachters durch den Raum lenkt, und dennoch ausreichend Spielraum für subjektive Imaginationsprozesse offen lässt.

Auch die seit 2011 in Salzburg lebende Fotografin Angelika Wienerroither (geb. 1986) entwickelt eigens für die Miniaturgalerie eine raumausfüllende, multimediale Ausstaffierung, in deren Mittelpunkt ein fotografisches Werk steht. Von der Künstlerin durch eine von ihr selbst und intendiert inkorrekt angefertigte Lochkamera aufgenommen, mit dem Ergebnis, dass nur ein Teil des Papiers belichtet wurde, suggeriert die Fotografie in Art eines Mise en abyme einen weiterführenden Pseudoraum innerhalb der Miniaturgalerie, die den selben Effekt in ähnlicher, dreidimensionaler Form im periscope demonstriert. Die Konsequenz des Werkprozesses ist die Darstellung einer sich fast sogartig auftuenden Ansicht des Ateliers der Künstlerin mit maximaler Dynamik und Tiefe, wodurch die Festigkeit des abgelichteten architektonischen Raums nahezu ausgelöscht wird. Die Fotografie ist gleichermaßen Zeuge von Wienerroithers Auseinandersetzung mit der Absurdität der Zeit sowie das Manifestieren ebendieser im Werks selbst, dessen Belichtung volle 36 Minuten in Anspruch nahm und das Foto vom Konkreten ans Limit des Abstrakten führt. Wienerroithers selbstbewusstes Experimentieren auf dem Gebiet der Fotografie löst jegliche Grenzen auf, sodass sich das ausgestellte Foto nicht nur in die Tiefe, sondern auch in die Fläche öffnet. Dieses Resultat wird gleichsam noch verstärkt, indem die Künstlerin eine beleuchtete, installative Struktur aus Papier in den bespielten Raum der MAG einfügt, die Arbeit wie schwebend in einem Wolkenbett erscheinen lässt.

In Suntje Sagerers Miniaturgalerie haben neben finalisierten Arbeiten auch Modelle und Entwürfe, die in einem anderen Ausstellungskontext eher selten respektive gar nicht gezeigt werden oder werden können, das Recht auf ein Dasein als Exponat. So beinhaltet der Beitrag Wolfgang Richters (geb. 1953) ein im Jahr 2000 angefertigtes Modell eines bearbeiteten Birkenstamms mit einem Maß von 30cm - positioniert als abschließender Dachaufsatz der Puppenstube - das in seiner finalen Ausführung in einem zehnmal so großes Objekt resultierte. Im selben Haus platziert Sagerer auch eine fast raumsprengende Schaumgummi-Spirale (1987), die weder Modell noch abgeschlossene Arbeit sein will, sondern als Teil von Richters Archiv für Anregungen zu verstehen ist. Die von Sagerer direkt im Atelier des Künstlers ausgesuchten Werke sind aber keineswegs als Restbestand oder gar Ausschussware zu sehen, denn sie verkörpern durch Materialwahl sowie durch die Zurschaustellung eines für Richters Œuvre charakteristischen Antagonismus von archetypischen Formen und spontanen formalen Entscheidungen denkbar deutlich zentrale Aspekte seines visuellen Vokabulars und seiner plastischen Arbeitsweise. Das bestärkt auch die Tatsache, dass sich in die Reihe der Werkauswahl ohne mit den übrigen zu kontrastieren eine aktuelle Arbeit („Buchschnitt“, 2018) hineinstellen lässt, die in ihrer gezeigten Form eine realisierte, fertiggestellte ist und nicht darauf wartet, in einen anderen Maßstab gebracht zu werden.

Dabei fordert die Aufhebung des allgemein anerkannten Größenmaßstabs schlussendlich vor allem das Publikum. Die Minimal Art Gallery verlangt nach einem konzentrierten, intensiven Betrachten, denn nur ein solches ermöglicht es, alle Einzelheiten und ebendiese in ihrer Gesamtheit als Einheit der Skulptur zu erkennen. Der Wahrnehmungsapparat ist schließlich gezwungen, sich der prekären und vor allem ungewohnten Situation anzupassen. Der Beschauer fühlt sich in der Konsequenz falsch dimensioniert, der am menschlichen Körpermaß orientierte Größenstandard für die gesamte existente Umwelt und damit auch für Kunst und Ausstellungsräume im Allgemeinen mutiert wiederum zum Irrwitz, die als allgegenwärtig angenommene Gültigkeit der absoluten Größennormen gerät ins Wanken. 



The Artwork must fit!

The dollhouse is a place of possibility, where a child can order the world according to her desires or recreate it according to her imagination. In Minimal Art Gallery, Suntje Sagerer draws on these associations with the child’s dollhouse to transform the traditional exhibition space -- the gallery -- into an artist’s playground.

The concept of the Minimal Art Gallery grew out of Sagerer’s previous work with dollhouses. As a Masters’ student at the Dresden University of Fine Arts, she has produced two photo series that take the dollhouse as their subject. In Masters of Society and to many children, the artist poses old-fashioned dolls in a variety of precarious scenarios within the rooms of a home, photographing the tableaux in bright, stark color. The images, some of which include photographs of the artist’s own childhood embedded in the space of the rooms, are at once vivid and alienating. With their sordid, half-told narratives, they undermine both conventional ideas about the innocence of childhood and the home as a place of comfort.

Whereas these earlier photo series subvert expectations of the domestic realm, the installation/sculpture, Minimal Art Gallery, offers a playful alternative to the contemporary art space. The first version of the Minimal Art Gallery was exhibited in the Galerie Mikky Burg, collective in Dresden’s Hechtviertel. For this project, Sagerer invited fellow artists to reimagine the dollhouse – asking a group of collaborators to install miniature artworks in its rooms or to redesign the rooms entirely. A second iteration of the idea, Minimal Art Gallery (Reloaded), was created in association with a different group of artists and exhibited in the Galerie Baer.

Both versions of the Minimal Art Gallery are characterized by their punk spirit, bypassing the authority of the art world with a chaotic DIY (do-it-yourself) energy. Rather than striving for inclusion in the mainstream, the artist throws her own party. The appearance of the rooms varies wildly, depending on the artist who designed them, but the core structure – the house itself – remains a 70s-era bungalow, sliced open to reveal its contents. The handmade coarseness of the construction mocks the clean, white, stereotypical exhibition space. The title of the project – Minimal Art Gallery – likewise underlines a playful opposition toward the Minimalism movement from which it takes its name. The only thing minimal about the installation is its size; its boldly heterodox approach, which brings so many competing aesthetics into one space, could not be farther from the standardized, uniform works of twentieth-century sculptors like Donald Judd and Tony Smith.

The artists who participated in the two iterations of the Minimal Art Gallery have taken the miniaturized dimensions of the houses as a challenge, redesigning rooms to house their tiny works or exploding the concept of the room itself. The flexibility of the Minimal Art Gallery concept allows for any number of approaches to the task and permits the work to be remade in new forms, again and again.

The only rule is that the artwork must fit. This is the magic of the piece for the viewer; bending over, peering in, we glimpse a super-small painting on the wall (Michael Klippmann) or monumental-looking sculpture reduced to the dimensions of the house (Silke Wobst). There are jokes of scale: hanging on the wall across from Klipmann’s painting is a pink rabbit’s head that in context seems as big as a bear’s; jammed into the space of the bathroom is a regular-sized folded paper ship, which dwarfs the doll bathtub for which it is made (Stefanie Busch); and finally sitting on a table is a small, white house, an even more miniature version of the structure that contains it (Robert Papperman). In every room, the viewer is offered enchantment, visual wit, and the chance to re-immerse oneself in the dollhouse’s realm of imagination and the possible. von Teresa Kamencek 2018

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"The artwork must be fit!"

Das Puppenhaus ist ein Ort der Möglichkeiten, wo ein Kind die Welt nach seinen Wünschen einrichten oder sie nach seinen Vorstellungen neu erschaffen kann. Suntje Sagerer knüpft mit dem Puppenhaus an diese Assoziationen an, in der sich die Künstler spielerisch in der Minimal Art Gallery positionieren können.

Das Konzept der Minimal Art Gallery erwuchs dabei aus der bisherigen Beschäftigung Sagerers mit Puppenhäusern. Als Meisterstudentin der Hochschule für Bildende Künste (HfBK) Dresden hat sie bereits zwei Fotoserien angefertigt, deren Thema ein Puppenhaus war. In „Masters of Society“ und „To many Children“ lässt die Künstlerin herkömmliche Puppen in einer Auswahl prekärer Szenarios innerhalb von Wohnräumen posieren und fotografiert das Ergebnis in leuchtenden, starken Farben. Die Bilder, von denen einige wiederum Fotos aus der Kindheit der Künstlerin enthalten, die in den Puppenstubenräumen eingebettet wurden, sind gleichermaßen lebhaft und befremdend. Mit ihren schäbigen, halberzählten Geschichten untergraben sie die konventionellen Vorstellungen einer unschuldigen Kindheit einerseits und des Zuhauses als tröstlichem Ort andererseits.

Während diese frühen Fotoserien die Erwartungen an die heimischen Gefilde untergraben, offeriert die Minimal Art Gallery hingegen eine verspielte Alternative zu zeitgenössischen Kunsträumen. Die erste Version der Minimal Art Gallery wurde in der Galerie Mikky Burg, dem Gruppenatelier der Künstlerin im Dresdner Hechtviertel, gezeigt. Für dieses Projekt lud Sagerer andere Künstler ein, die das Konzept eines Puppenhauses neu erfinden sollten. Sie bat ihre Mitstreiter, Miniatur-Kunstwerke in dem Puppenhaus unterzubringen oder die Räume völlig neu zu gestalten. Der zweite Durchlauf dieser Idee, Minimal Art Gallery (Reloaded), wurde mit einer Gruppe teils neuer Künstler umgesetzt und in der Dresdner Galerie Baer ausgestellt.

Der Geist des Punk kennzeichnet beide Versionen der Minimal Art Gallery. Mit ihrer DIY (Do-it-yourself)-Energie umgehen sie die Autorität der Kunstwelt. Die Künstlerin schmeißt somit lieber ihre eigene Party, als eine Einbindung in den Mainstream anzustreben. Das Erscheinungsbild der Räume variiert dabei stark, immer abhängig vom Entwurf des jeweiligen Künstlers, doch die Kernstruktur – das Haus selbst – bleibt ein aufgeschnittener Bungalow aus den 1970er Jahren, der sein Innerstes bloßlegt. Die handgemachte Derbheit der Konstruktion ironisiert den sauberen weißen Ausstellungsraum. Der Titel Minimal Art Gallery unterstreicht ebenfalls eine verspielte Gegenbewegung zum Minimalismus, der ja als Namenspatron fungiert. Das einzig wirklich Minimale der Installation ist ihre Größe. Der deutlich heterodoxe Ansatz, der so viele rivalisierende Ästhetiken in einem Raum vereint, könnte hingegen nicht weiter entfernt sein von den standardisierten und einförmigen Werken von Minimalisten des 20. Jahrhunderts wie Donald Judd und Tony Smith.

Die Künstler, die an den beiden Ausgaben der Minimal Art Gallery teilnahmen, stellten sich der Herausforderung der verkleinerten Dimensionen des Hauses, indem sie entweder die Räume für ihre winzigen Kunstwerke neu entwarfen oder die Vorstellung von Raum gleich ganz platzen ließen. Die Flexibilität des Konzepts der Minimal Art Gallery erlaubt beliebig viele Annäherungen an die Aufgabe und lässt es zu, dass diese Arbeit immer und immer wieder in neuer Form entstehen kann.

Die einzige Regel: Das Kunstwerk muss passen. In den Einzelteilen liegt auch die Magie für den Betrachter. Wir beugen uns vor und spähen hinein, erhaschen einen kurzen Blick auf ein superkleines Gemälde an der Wand (Michael Klippmann) oder auf eine riesig aussehende Skulptur, die auf die Dimensionen des Hauses verkleinert wurde (Silke Wobst). Es gibt Witze des Maßstabs: gegenüber von Klippmanns Bild hängt ein rosa Hasenkopf, der in diesem Zusammenhang so groß wie der eines Bären wirkt; ins Badezimmer ist ein gefaltetes Papierschiffchen herkömmlicher Größe geklemmt, das die Puppenbadewanne – für die es gefertigt wurde – klein erscheinen lässt (Stefanie Busch); auf einem Tisch findet sich schließlich ein kleines weißes Haus, eine noch winzigere Version dessen, worin es sich gerade befindet (Robert Pappermann). In jedem Raum wird dem Betrachter Entzückung geboten, sichtbarer Witz und die Chance einzutauchen in die Puppenhaus-Gefilde der Phantasie und des Möglichen.

Jessica Buskirk, Ph.D. in Art History, University of California, Berkeley
Übersetzung: Torsten Klaus, Journalist, Kulturredakteur DNN

Der Text sowie die Übersetzung sind im Rahmen der Dresdner Kulturpatenschaften entstanden.


MAG Jedermann, Salzburg 2018